Cover Bild: Der Grand Éléphant auf seinem täglichen Streifzug © Guilhem Vellut.

Nantes, am Ufer der Loire in Westfrankreich gelegen, ist seit Langem ein geschäftiger Drehpunkt der Schifffahrt und Anziehungspunkt für moderne Kunstschaffende. Als Heimatstadt des französischen Schriftstellers und Poeten Jules Verne und Inspirationsquelle für die Bewegung des Surrealismus ist es nur folgerichtig, dass aus dieser Schnittstelle zwischen mechanischem und kreativem Innovationsgeist das unglaubliche Les Machines de l’Île entstanden ist.

Diese spektakuläre Attraktion, die auf einer stillgelegten Werft auf einer großen Loire-Insel angesiedelt ist, erweckt futuristische Kreaturen, die laufen und fliegen können, aus den Werken Vernes und des Künstlers und Erfinders Leonardo da Vinci auf ganz neuartige Weise zum Leben. Wenn Sie diese gewaltigen Roboter bei Ihrem Besuch besichtigen oder sogar auf ihnen reiten, folgen Sie gleichzeitig den Spuren der industriellen Vergangenheit dieser französischen Stadt.

Le Héron. Bild: Fourrure.

Les Machines de l’Île

Eins ist klar: Les Machines de l’Île ist viel mehr als ein gewöhnlicher Vergnügungspark. Im Parc des Chantiers auf der Île de Nantes leben magische, handgefertigte Tiere aus Metallplatten, Pappelholz, Drähten und Kabeln, die herumwandern, durch die Gegend kriechen und fliegen können, und der Welt dabei all ihre Funktionsteile offenbaren.

Das Meisterstück des Projekts ist der Grand Éléphant: ein 12 Meter hohes und 48 Tonnen schweres mechanisches Wesen, das sich Tag für Tag seinen Weg durch die Straßen der Insel bahnt, trötet und Wasser auf neugierige Besucher spritzt. Die Wesen sind so konstruiert, dass man sie anfassen, untersuchen und sogar „an Bord“ gehen kann. Der Elefant hat eine Terrasse, die Platz für 50 Personen bietet, und auf der ein halbstündiger Spaziergang auf einer von drei Strecken mit einer Geschwindigkeit von 3 km/h möglich ist. Um die Terrasse zu erreichen, müssen Sie eine durch das Tier führende verschlungene Treppe erklimmen, wo Schrauben und Muttern und die 62 Hydraulik-, Pneumatik- und Gaszylinder, die den Elefanten zum Laufen bringen, bestaunt werden können.

Dieser Ort voller surrealer interaktiver Ateliers und Performances ist die Idee zweier französischer Visionäre: François Delarozière, Art Director der Theaterproduktionsfirma La Machine, und Pierre Orefice, Intendant der Vereinigung Manaus, die auf die Konzeption und Umsetzung von Straßen-Performances und Inszenierungen in urbanen Räumen spezialisiert ist.

„Zunächst einmal ist Les Machines de l’Île definitiv kein Erlebnispark“, antwortet Delarozière direkt auf die Frage, woher die Inspiration für den Park kam. „Es ist ein kulturelles und touristisches Projekt, das im öffentlichen Raum und im Alltag der Stadt umgesetzt wird. Unser Grand Éléphant teilt sich die Straßen und öffentlichen Plätze mit Fußgängern, mit Menschen, die zur Arbeit oder nach Hause gehen“, so Delarozière, der gerne den Einfluss des Parks auf die örtliche Gemeinde hervorhebt.

Le Chenille. Bild: Fourrure.

Die Neuerfindung des industriellen Kerngebiets

Im Herzen des Parks befindet sich La Galerie des Machines – ein Gewächshaus voller tropischer Pflanzen und kleinerer mechanischer Erfindungen, die noch darauf warten, zum Leben erweckt zu werden. Hier werden die neu gebauten Tiere getestet, während Maschinenbauer den Besuchern die Funktionsweise jedes Teils erklären. Hier begegnen Sie mechanischen Fischen, Raupen, Spinnen und einer gigantischen Ameise. Außerdem nimmt ein Flugsimulator Besucher auf dem Rücken einer Fliege mit auf eine 160 km/h schnelle Reise durch die Lüfte.

„Unsere Maschinen sind eine Art lebendige Architektur, die als Begleiter der urbanen Entwicklung fungiert“, fährt Delarozière fort. „Ende der 1980er Jahre haben die Werften in Nantes den Hammer fallen lassen und mehr als 3000 Arbeitslose sowie länger als zehn Jahre ein industrielles Brachland mitten im Stadtgebiet hinterlassen.“

Dank der Bemühungen des Unternehmens, Künstler und Ingenieure an den Standort zu holen, ist die Werkstatt des La Machine auf dem Boulevard Léon Bureau heute der Öffentlichkeit zugänglich. Und es geht so geschäftig wie in einem Bienenstock zu: Mit schnellen und versierten Bewegungen werden hier Meisterstücke erschaffen, Handwerker fachsimpeln über Werkzeuge und Entwürfe, was von der Expertise und Hingabe zeugt, die jeder Kreation gewidmet wird.

Kumo, die große Spinne. Bild: Aurélien Dury.

Eine Stadt erfindet sich neu

In den späten 1990er Jahren entschied der Stadtrat, dieses Projekt voranzutreiben, um das künstlerische Erbe von Nantes auf internationales Parkett zu bringen.

„Die Insel von Nantes liegt direkt neben dem historischen Stadtkern“, erklärt Delarozière. „Im Jahr 2000 wurde dieser Platz zurückerobert. Damals sollte der Ort unter dem Bürgermeister von Nantes, Jean-Marc Ayrault, und seinem Team „reurbanisiert“ werden. Deshalb suchten sie ein Projekt, das die Einwohner der Stadt über den Fluss auf die Insel locken sollte. Daraufhin begann die Zusammenarbeit mit dem Architekten Alexandre Chémétoff. Es ging darum, Nantes eine neue Bedeutung im In- und Ausland zu geben.“

In einer zunehmend digitalisierten Welt zelebrieren Künstler wie jene hinter den Kulissen von Les Machines das Handwerkszeug, auf das die Menschheit seit Jahrhunderten vertraut. „Unsere Maschinen und Skulpturen hauchen Baumaterialien wie Holz, Stahl, Kupfer und Leder Leben ein, wir entwickeln eine Sprache mit diesen Materialien“, sagt Delarozière. „Wir verstecken die Mechanismen, Motoren und auch Schweißnähte nicht.“

Auf dieser Philosophie liegt das Hauptaugenmerk bei der nächsten Initiative des Parks: dem Reiherbaum-Projekt, das 2021 fertig sein soll. Das gewagte Projekt sieht vor, einen 5 Hektar großen Steinbruch auszuheben, um einen enormen mechanischen Baum als Hauptattraktion des Les Machines de l’Île zu errichten. Der 30 Meter hohe und 50 Meter breite Baum ist die Grundlage für diese „Stadt im Himmel“, die mit zwei mechanischen Reihern gekrönt wird, die jeweils 12 Menschen für sechs Flüge pro Stunde aufnehmen können. Das Ganze wird flankiert von hängenden Gärten auf 22 begehbaren Ästen und umgeben von mechanischen Fischadlern, die an Seilrutschen entlanggleiten.

Entdecken Sie das Schloss Nantes.

Nantes entdecken

Der Künstlergeist von Les Machines ist nicht nur auf der Insel zu spüren. Neben dieser mechanischen Menagerie beheimatet die Stadt mehr als 40 öffentliche Kunstwerke, 36 Theater und 14 Museen. Der selbstgeführte Stadtrundgang Le Voyage à Nantes zeigt die kreative Tradition der Stadt in Aktion. Starten Sie an der Galerie Le Lieu Unique in der Rue de la Biscuiterie, um Zirkus-Performances und experimentelle Kunstshows anzuschauen oder den Vintage-Plattenladen zu durchstöbern, bevor Sie den Kunstpfad Saint Nazaire entlang flanieren. Dieser 60 km lange Pfad führt durch das Mündungsgebiet der Stadt und präsentiert Werke von mehr als 30 international gefeierten Künstlern, wie dem französischen Maler und Bildhauer Daniel Buren.

Die traditionelleren architektonischen Wurzeln der Stadt finden Sie im Stadtzentrum im Château des ducs de Bretagne – das Schloss Nantes aus dem 12. Jahrhundert und Festung der Herzoge der Bretagne. Ebenso ist es nur ein kurzer Fußmarsch auf die andere Seite des Stadtzentrums zum Place Graslin, wo zwei der edelsten architektonischen Juwelen der Stadt auf Sie warten: das Théâtre Graslin, ein neoklassizistisches Opernhaus, und die Brasserie La Cigale, ein Restaurant aus dem 19. Jahrhundert, das mit farbenfrohen Wandfliesen aus der Belle Époque verziert ist und die leckersten Crêpes der Region anbietet.

Wenn sich die mechanischen Tiere von Les Machines zur Nachtruhe in ihre Werkstätten verkriechen, beenden Sie Ihren Tag in Nantes mit einem Cocktail im Le Nid: Diese Bar liegt auf der 32. Etage des Hochhauses Tour Bretagne des Architekten Claude Devorsine. Von der Terrasse aus können Sie den Sonnenuntergang über der atemberaubenden Landschaft dieser ehemaligen französischen Industrieagglomeration anschauen, wo der Schwerpunkt mittlerweile auf interaktiver und experimenteller Kunst liegt.

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